In 3 Monaten unternehmen Studierende der Universität Witten/Herdecke Exkursionen in ihre Nachbarschaften. Während die Studierenden dieser anthroposophisch ausgerichteten Privat-Uni aus der ganzen Welt kommen, und sich mit Wirtschaft, Medizin, Philosophie oder Psychologie beschäftigen, gibt es aus der Uni-Bubble heraus meist wenig Kontakt mit den Wirklichkeiten gleich nebenan. In Witten, das auf eine Geschichte von mehr als 1000 Jahren zurückblickt, begann der Bergbau des Ruhrgebiets – & seine De-Industrialisierung. Deren Spuren sich bis heute deutlich im Stadtbild ablesen lassen. Die gemeinsame Artistic Research sammelte vielfältige Samples für eine Wittener Record.
Da meine Freundin Mitglied der freiwilligen Feuerwehr in Witten ist, war ich im vergangenen Jahr zu deren Weihnachtsfeier eingeladen. Dort entstanden einige Samples aus den Räumlichkeiten der Feuerwehr, darunter Aufnahmen der Fahrzeuge und Ausrüstungen sowie Mitschnitte aus Gesprächen mit Mitgliedern. Ein Sample hat es mir dabei besonders angetan: das Gespräch mit einem bereits pensionierten Mitglied, dessen ganze Leidenschaft der Feuerwehr gilt. Seit vielen Jahren sammelt er verschiedenste Gegenstände der Feuerwehr, stellt diese teilweise bei sich aus, bringt sie zu Veranstaltungen mit und lagert sie ein. Das Sample ist eine etwa einminütige Audioaufnahme. Das durchaus interessante Gespräch über sein Hobby und sein Leben zog sich jedoch bis tief in den Abend hinein.
Als wir überlegten welche Orte & Menschen auf unserer Record vertreten sein sollen kam uns direkt das Edelstahlwerk in den Sinn. Es liegt riesig und still hinter dem Hauptbahnhof, aber wenn man genau hinschaut sieht man riesige Wolken aus den Türmen aufsteigen, riesige Flammen aus den Öfen sich im Himmel spiegeln, wenn man genau hinhört, hört man Metall aneinanderschlagen, hört man es rumpeln und vibrieren. Wenn man genau riecht, riecht es manchmal nach Plastik, manchmal verbrannt.
Die Suche nach Samples im Edelstahlwerk war gleichzeitig eine Reise in eine andere Welt. Hinter dem Hautbahnhof von Witten liegt der Eingang in die Produktionsstätten der Swiss Steel Company und durch das kleine vergilbte Pförtnerhaus mit einem Pförtner, der seit langem zu arbeiten scheint, kamen wir hinein. Innendrin war es, als wären wir in eine andere Zeit gerutscht. Gebäude prunkvoll, aber an andere Zeiten erinnernd, Statuen aus Stein und Fabrikgebäude, die innendrin rumorten und uns sprachlos ließen. Die Größenordnungen waren ganz andere und als wir mit unserer Gruppe über das Gelände gingen hielt mal hier einer an mal da, kam dort Dampf aus dem Rohr, fuhr da ein riesiges Gerät an uns vorbei und grüßte hier einer mit «Mahlzeit!». Neben den vielen Männern, die hier arbeiten, sah ich noch mehr Fahrräde,r die zur Fortbewegung auf dem großen Gelände überall herumstanden.
Das Foto was hier zu sehen ist, ist in der Mittagspause entstanden, in der Kantine. Ein Arbeiter bestellt sich Schnitzel, mit Bohnen und Pommes. Und während die «sauberen» Büroarbeitenden sich auf die Polster setzen, muss er es herunternehmen, um es nicht dreckig zu machen. Vorschrift. Das grobe des Arbeiters und das Warme der Küche haben mich berührt, genauso wie das gesamte Edelstahlwerk und seine Menschen, die tagtäglich geschluckt und abends wieder ausgespuckt werden, hinter den Hauptbahnhof, als wären sie gerade erst mit dem Zug angekommen und nicht aus dem Edelstahlwerk.
Lehmkul ist ein kleiner, authentischer und sehr herzlicher Buchladen in Witten. Gemeinsam mit Gamal, einem weiteren Teilnehmer des Projekts, haben wir die Ladenbesitzerin und ihre Mitarbeiterin gefragt, ob sie mit einem Sample teilnehmen möchten. Die erste Reaktion war noch etwas zurückhaltend und von der Frage geprägt, was sie beitragen könnten, bis die Mitarbeiterin vorschlug, die Ladenbesitzerin könne etwas vorlesen – schließlich befänden wir uns in einem Buchladen. Alle fanden die Idee sehr gut und die Stimmung hellte sich sofort auf. Die Ladenbesitzerin zeigte uns daraufhin einige Bücher, die sie für passend hielt: Einige handelten von Witten, andere waren humorvolle Geschichten. Schließlich entschied sie sich für ein modernes Kinderbuch und las uns daraus einige Absätze vor, die wir als Audiosample festgehalten haben.
Ein Sample, dessen Aufnahme mir besonders viel Freude bereitet hat, entstand im nouranour, einem nachhaltigen Bekleidungsgeschäft. Dort kam ich mit zwei Volunteers ins Gespräch, die aus Rom stammen und für einen begrenzten Zeitraum in Witten leben und arbeiten. Die Aufnahme entwickelte sich aus einer ungezwungenen Gesprächssituation heraus und war nicht im Vorfeld als Interview geplant. In dem Gespräch erzählten die beiden von ihrem Leben in Witten und davon, dass sie sich hier grundsätzlich wohlfühlen. Gleichzeitig beschrieben sie die deutlichen Unterschiede zu ihrer Heimatstadt Rom, insbesondere im Hinblick auf Größe, Tempo und Alltagsstruktur. Diese Gegenüberstellung entstand beiläufig und spiegelt ihre persönliche Wahrnehmung des Orts wider.
Das Sample dokumentiert somit weniger konkrete Inhalte als vielmehr die Atmosphäre des Austauschs. Das Gespräch war offen, ruhig und von gegenseitigem Interesse geprägt. Für mich war die Aufnahme vor allem deshalb wichtig, weil sie zeigt, wie durch spontane Begegnungen und Zuhören ein authentisches akustisches Sample entstand.
Kilometergeld und Briefkästen Mein wichtigstes Werkzeug waren Flyer. Statt diese aber passiv auszulegen, habe ich mich selbst auf den Weg gemacht und sie direkt in der Stadt verteilt. Das bedeutete: Stundenlanges Laufen durch Wittener Straßen und das gezielte Einwerfen in Briefkästen. Es ist eine seltsame Art der Kommunikation – man gibt etwas Persönliches ab, weiß aber in diesem Moment nicht, ob es gelesen wird oder direkt im Papiermüll landet. • Der Tiefpunkt: Die körperliche Ermüdung nach etlichen Kilometern und die Ungewissheit. Man läuft an Haustüren vorbei und hofft einfach, dass hinter einer dieser Türen jemand sitzt, der Lust hat, Teil dieses Projekts zu werden. Es ist ein wenig wie eine Flaschenpost, die man in einem Meer aus Werbung aussetzt. • Das Erfolgserlebnis: Wenn dann tatsächlich Rückmeldungen kommen. Zu sehen, dass Leute den Flyer eben nicht weggeworfen, sondern sich die Zeit genommen haben, über Wittens Identität nachzudenken, war ein tolles Signal. Es hat gezeigt, dass die direkte Methode – auch wenn sie anstrengend ist – funktioniert.
Überzeugungsarbeit im Hörsaal Parallel dazu habe ich das Projekt in meinem eigenen Semester an der Uni vorgestellt. Hier war die Kommunikation direkter. Ich habe meinen Kommiliton:innen erklärt, worum es geht und warum es wichtig ist, dass auch wir als Studierende uns in dieser Zeitkapsel verewigen. Es war interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Reaktionen waren. In der Stadt ging es eher um lokale Verbundenheit, im Semester eher um die Frage: „Was bleibt eigentlich von unserer Zeit hier in Witten?“ Die Herausforderung war hier vor allem, die Leute aus ihrem stressigen Uni-Alltag abzuholen und sie für ein Projekt zu begeistern, das über das nächste Modul hinausgeht.
Im Rahmen des Projekts haben wir eine Führung durch die Lehrwerkstatt des Deutschen Edelstahlwerks bekommen. Während des Rundgangs konnten wir verschiedene Klassen und Arbeitsbereiche kennenlernen. Die Schüler*innen haben uns gezeigt, woran sie gerade arbeiten, und ihre Projekte direkt selbst vorgestellt. Besonders cool war dabei, dass diese Einblicke auf Augenhöhe stattfanden und ein offener Austausch möglich war. Beeindruckend war vor allem die Größe des Geländes und die industrielle Umgebung, die einen starken Kontrast zum eigenen Alltag darstellt. Der Besuch bot einen spannenden Einblick in eine Lebensrealität, mit der man sonst nur selten in Berührung kommt. Die Atmosphäre während der Führung war sehr angenehm. Wir wurden von allen Beteiligten freundlich empfangen, was den Besuch insgesamt sehr positiv geprägt hat. Die Führung war damit nicht nur informativ, sondern auch eine wertvolle und persönliche Erfahrung.